Die eine «richtige» Kur gibt es nicht

Gute Ayurvedakuren sind rar. Meist beschränken sie sich auf Wellness-Massagen und Stirngüsse ohne ärzliche Betreuung.  Ein Kuraufenthalt in Indien indes verändert einiges.

Indien gilt als Ursprungsland des klassischen Ayurveda. Insbesondere im indischen Bundesstaat Kerala, im Südwesten des Landes, gibt es zahlreiche Ayurveda-Kliniken und -Resorts, deren Angebot an Massagen zahlreiche Gäste aus Übersee anlocken. Mit den meisten hierzulande durchgeführten Ayurveda-Wellness-Massagen haben echte ayurvedische Anwendungen aber wenig gemein. Dennoch wird auch in Indien die eine «richtige» Kur nicht angeboten. Jede Klinik/jedes Resort und jeder Ayurveda-Arzt hat sein eigenes Konzept. Überdies werden die Anwendungen regional unterschiedlich gehandhabt.

Ärztliche Untersuchung zu Beginn

Wer sich für eine Kur entscheidet, tut dies normalerweise, um sich vom Alltagsstress zu erholen, um kleine gesundheitliche Probleme zu beheben und um neue Kraft zu tanken. Zu Beginn einer jeden Kur steht eine ausführliche Untersuchung durch einen Ayurveda-Arzt. Indem dieser die vorherrschenden Doshas (Gemütsverfassungen, siehe auch «Die Wissenschaft vom Leben») diagnostiziert, legt er die Grundzüge für die Behandlung im Rahmen eines individuellen Behandlungsplans fest. Wichtiger Bestandteil einer jeden Kur ist neben Massagen und Ernährung die Kräutermedizin. Mehrmals täglich nimmt man verschiedene Pillen, Pasten und Abkochungen ein.

Reinigungs- und Regenerationskuren dauern mindestens zwei Wochen, deren erste der Reinigung des Körpers mit Ganzkörpermassagen und individueller Kräutermedizin dient. Ölmassagen sind fester Bestandteil einer jeden Behandlung. Auch wenn diese harmlos wirken: Deren Wirkung ist sehr intensiv, und der Körper braucht Zeit zur Verarbeitung. Nach der ayurvedischen Lehre sollen mit Ölmassagen und Kräutermedizin die «Körperkanäle» geweitet werden, damit angesammelte Giftstoffe ausgeschieden werden können; jede starke Veränderung der Temperatur – etwa durch Schwimmen oder «Sünnele» – führt dazu, dass sich die sogenannten srotas wieder schliessen und der Kurerfolg infrage steht.

Wie bereits erwähnt spielt die Ernährung ebenfalls eine bedeutende Rolle im Ayurveda. Die Gäste bekommen mit dem Behandlungsplan eine Liste der ihnen persönlich empfohlenen Lebensmittel und können sich, sofern in der jeweiligen Lokalität vorhanden, am Buffet entsprechende Gerichte zusammenstellen. Während der Kur sollte auf Alkohol, Nikotin, Kaffee, Tee, Fleisch und Fisch verzichtet werden. Empfehlenswerte Getränke sind Kräutertees, Wasser, Obst- und Gemüsesäfte.

Kommt es während der ersten Tagen der Kur zu einer Verstärkung der Beschwerden, muss sofort der Arzt konsultiert werden. In den meisten Zentren ist dieser 24 Stunden erreichbar. Möglich ist auch, dass man ob all dem Öl und des intensiven Geruchs nach Gewürzen einen Durchhänger bekommt. Die einen heulen einfach los, die anderen bekommen Kopfschmerzen, und bei dritten treten plötzlich alte Konflikte zu Tage. Das gehört zum normalen Kurverlauf. Die intensiven Behandlungen wirken mehr oder weniger stark auf die Psyche. Wer eine Ayurvedakur macht, sollte sich bewusst sein, dass er auch immer eine Auseinandersetzung mit sich führt.

Wo, wie und wann?

Verfechter des ernsthaften Ayurveda raten von einer Kur am Meer ab, zumal zu viel Strand und Sonne die Kurergebnisse beeinträchtigen können. Traditionelle Zentren und Krankenhäuser sind oft im Landesinnern zu finden. Ferner gilt: je kleiner das Haus, desto intensiver die Betreuung. Die Zahl der Behandlungsräume und Therapeuten sollte überdies in einem angemessenen Verhältnis zu der Zimmerzahl stehen.

Trendige Kleidung kann man, entscheidet man sich für einen Kuraufenthalt, zu Hause lassen. Das Kräuteröl verfärbt alles. Ideal sind bequeme Sachen aus atmungsaktiven Stoffen. Übrigens: Kurze Röcke und Tops mit Spaghettiträgern sind im konservativen Indien tabu. Hautcremes und Make-up sind bei einer Ayurvedakur ebenfalls überflüssig – wegen der täglichen Ölanwendungen benötigt die Haut kein zusätzliches Fett.

Wenn möglich empfiehlt es sich, wenigstens ein paar Tage vor der Kur anzureisen. Dies auch deshalb, um einen Einblick in die Kultur zu bekommen. Indien ist ein faszinierendes und wunderschönes Land mit alten Traditionen und modernen Entwicklungen. Wer eine Rundreise machen will, sollte diese vorzugsweise vor der Kur machen. Die klassische Kur-Zeit ist während der Regenzeit von Juni bis August/September. Durch die häufigen Niederschläge gönnt man sich die nötige Ruhe, die Kräutergüsse und -öle können ob der hohen Luftfeuchtigkeit gut einziehen und ihre volle Wirkung entfalten.

Nach der Kur muss man dem Körper Zeit geben, die Anwendungen zu verarbeiten. Vor allem in den beiden ersten Wochen nach der Rückkehr sollte man sich möglichst viel Ruhe gönnen und versuchen, wenigstens einen Teil der bewussteren Lebensführung im Alltag fortzusetzen. Oftmals tritt der volle Kureffekt erst ein paar Wochen später ein.

Angela Bernetta